Gedankenanstoss

Von gegürteten Hüften und brennenden Lichtern

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Menschen jedweder Identität,

es ist ja völlig nachvollziehbar, dass uns das eine oder andere Wort aus dem Alten oder Neuen Testament mit Bildern der damaligen Lebenswelt veranschaulicht, illustriert wird. Es braucht also Brücken, um solche Worte in die heutige Zeit zu übertragen. An ein solches Wort möchte ich kurz vor dem Start in die Advents- und Weihnachtszeit erinnern. In dem Evangelium, das unter dem Namen Lukas firmiert, heißt es im zwölften Kapitel an einer Stelle:
Eure Hüften sollen gegürtet und eure Lichter angezündet sein“. Und eine sinngemäße Stelle findet man auch im zwölften Kapitel des Exodusbuches – kein Zufall.

Das Wort von den „gegürteten Hüften“ und den „angezündeten Lichtern“ will eine besondere Erwartungshaltung, eine Wach- und Achtsamkeit vermitteln. Die Kleider wurden beim Verlassen des Hauses hochgezogen und mit einem Gürtel so befestigt, dass sie nicht die Erde berührten.
Eine Aufbruchsituation. Die Lichter sollten angezündet werden und in tiefer Nacht weiter brennen, trotz des teuren Öls, das dafür nötig war. Eine Erwartungssituation.

Wollte man die Anweisungen in die heutige Zeit übertragen, würde man zu dieser Jahreszeit vermutlich sagen:
„Behaltet zu Hause die Schuhe an und eure Mäntel griffbereit! Seht zu, dass die Handys aufgeladen sind und gegebenenfalls leuchten können, vielleicht auch die LED-Stirnlampen! Hört die Nachrichten im Netz, Funk oder Fernsehen!“

Meine Vorgängergeneration hatte Erfahrung mit solchen Aufbruchs- und Erwartungssituationen; in der Kriegszeit hatten viele Familien gepackte Taschen, mit denen sie im Fall der Fälle in die Luftschutzkeller fliehen konnten. Schwangere Frauen packen ihre Taschen, wenn die Geburt bevorsteht. In beiden Fällen lässt sich ja nicht eindeutig festlegen, wann denn das Ereignis eintritt.

Eine ähnliche Wichtigkeit – und Dringlichkeit! – will uns das Bibelwort klar machen. Es geht um nicht mehr oder weniger als eine Gottesbegegnung.
Wer wollte dafür schon einen Termin vorherbestimmen oder vorhersagen? Dass Gott in die Welt kommt, daran erinnern wir, das feiern wir jedes Jahr zu einem festen Termin. Der Termin ist eine Setzung der alten Kirche, denn niemand kennt ja auch rückblickend den Termin der Geburt Jesu genau.
Und weil der Temin nun gesetzt ist, begehen wir mit dem Advent auch eine ausführliche Vorbereitungszeit. Das ist ein schöner Brauch und bildet einen Spannungsbogen hin zum Weihnachtsfest.

Wozu also die oben angedeutete Wach- und Achtsamkeit? Weil wir die möglichen Gottesbegegnungen in unserem alltäglichen Leben, ja selbst in einem priesterlichen oder klösterlichen Leben nicht steuern können. Der Geist Gottes weht, wo er will.

Haben wir denn gar keine Anhaltspunkte? Welche Wach- und Achtsamkeit für eine Gottesbegegnung können wir denn an den Tag legen?

Ich bin sicher, dass es diese Anhaltspunkte gibt. Wer wäre noch nie in die Situation gekommen, wo ganz konkret eine Hilfe erforderlich ist?
> Der orientierungslose Mann, der im Hauptbahnhof das richtige Gleis für den verspäteten und vielleicht auch umgeleiteten Zug sucht.
> Die Nachbarin, die ihren Mann pflegt und zu einem Einkauf nur ungern aus dem Haus geht.
> Der Mensch, der unvermittelt zusammenbricht und auf dem Weg liegen bleibt.
> Der Bekannte, der überraschend um ein Gespräch bittet und seine Seele ausschüttet.
> Die eingereiste Familie, der es am nötigsten fehlt, ja sogar an der Möglichkeit, sich durch Sprache verständlich zu machen.
> Das Kind, dass gerade sein Kuscheltier auf die Straße hat fallen lassen und es nicht gemerkt hat.
> Die Not der Menschen in Kriegs-, Katastrophen- und Terrorsituation, diese Not, die förmlich zum Himmel (zu wem?) schreit – und die mit Geld- und Sachspenden zumindest gelindert werden kann.

In all diesen Krisen- oder Notsituationen begegnet uns Gott. Und er sagt: „Was ihr den Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan!“ Da ist die Gottesbegegnung.

Das Bild von den gegürteten Hüften und den angezündeten Lichtern mahnt die damaligen Adressaten und mahnt uns zur Wach- und zur Achtsamkeit.
„Wachet auf, ruft uns die Stimme!“ das ist die Hymne für den beginnenden Advent. „Steht auf, die Lampen nehmt“, so heißt es weiter, und die Strophe schließt: „Ihr müsset ihm entgegen gehen!“
Wie das geht, das wissen wir nun – wach- und achtsam für die Situationen, die uns widerfahren.
Es könnte Gott selbst sein, der uns darin entgegen kommt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Advent!

Peter Querbach
Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Griesheim